Sieben Millionen Hungertote im Jemen und Folgeschäden des Vietnamkrieges

Wir sind Barbaren!

 

Zwei Meldungen im Morgen-TV vergangene Woche haben mich tagelang nicht losgelassen. Die erste: Die UNO warnt vor einem „Massensterben“ durch Hunger in Afrika, wobei im Jemen der Hungertod von sieben Millionen Kindern und Erwachsenen erwartet wird; die größte Hungersnot, die die Welt seit Jahrzehnten erlebt hat. Die zweite: US-Präsident Trump nimmt an der APEC-Konferenz (Asia-Pacific Economic Cooperation) in Da Nang teil, einer Stadt in Vietnam, das noch 50 Jahre nach dem größten Chemie-Angriff der Geschichte an den Folgeschäden des von der US-Armee aus Flugzeugen versprühten Entlaubungsmittels Agent Orange leidet. Ich unterbreche mein Frühstück, weil ich nichts mehr essen kann und setze mich an den Computer, um es in die Welt hinauszuschreien: Wir sind Barbaren! Diejenigen, die die Genozide begehen, wie auch wir, die dies zulassen.

 

Deutschland leistet Beihilfe zum Genozid im Jemen

 

Ich konnte aber nicht schreiben, ich war zu unruhig. So suchte ich im Internet zunächst Berichte zum Jemen. Saudi-Arabien und der Iran führen dort seit 2015 einen unerbittlichen Stellvertreterkrieg. Unterstützt wird Saudi-Arabien – nach Israel die zweitstärkste Militärmacht im Nahen Osten – von den USA, Groß-Britannien und Deutschland. Unser Land bildet saudische Soldaten bei der Bundeswehr aus und lieferte den Saudis die Kriegsschiffe (Fregatten), mit denen diese heute die See- und Flughäfen für lebensnotwendige Hilfslieferungen für das verhungernde Volk blockieren. Unsere Regierung genehmigt eine milliardenschwere Waffenlieferung, obwohl ein Militärbündnis unter saudischer Führung im Jemen seit Jahren Stellungen der schiitischen Huthi-Rebellen bombardiert und immer wieder Krankenhäuser, Hochzeitsgesellschaften oder Trauerfeiern trifft, bei denen viele Zivilisten sterben. Damit leistet sie Beihilfe zu diesem Völkermord.

 

Während meiner Recherche kommt ein Freund zu Besuch. Ich erzähle ihm empört von den morgendlichen Horrormeldungen. Der meint sehr freundschaftlich, dass man diese Meldungen nicht so nah an sich herankommen lassen dürfe, weil man sonst verrückt werde. Aber deshalb, antworte ich darauf, sieht die Welt ja so aus, wie sie ist. Wir empören uns nicht über diesen Wahnsinn und gewöhnen uns so ganz langsam daran. Es geht im Jemen nicht um eine Naturkatastrophe, sondern um einen von Menschenhand willentlich und wissentlich herbeigeführten Völkermord, der die Pläne der Neuen Weltordnung (NWO), die Anzahl der Menschen auf der Welt drastisch zu reduzieren, voll erfüllt. Wie würde die westliche „Wertegemeinschaft“ reagieren, frage ich den Freund, würde der russische Präsident ein unschuldiges Volk auf diese Weise massakrieren? Haben wir uns bereits an die nicht enden wollenden Verbrechen der westlichen „Wertegemeinschaft“ gewöhnt?

 

Kinder in Vietnam 50 Jahre danach – „zum Sterben geboren“

 

Nun krame ich einen älteren Bericht der Süddeutschen Zeitung hervor, ein Zeitdokument vom 30.11.2004. Titel: „Zum Sterben geboren. Leben ohne Augen, ohne Beine – wo die Amerikaner das Entlaubungsmittel sprühten, kommt Generation um Generation schwerbehindert zur Welt.“ Über 50 Jahre nach diesem Vernichtungs-Krieg leidet das vietnamesische Volk noch immer unter der Vergiftung seines Landes, kommen Babys missgebildet zur Welt – zum Sterben geboren. Der Historiker, Politikwissenschaftler und Amerikanist Bernd Greiner zitiert in der Einleitung seines 2007 erschienenen Buches „Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam“ einen Jonathan Schell mit den Worten: „Wenn wir uns daran gewöhnen, dergleichen hinzunehmen, gibt es nichts mehr, was wir nicht hinnehmen.“

 

In der morgendlichen TV-Sendung werden Originalaufnahmen des großflächigen Einsatzes von Agent Orange (hochgiftiges Dioxin) gezeigt. Ziel sind die Entlaubung der Wälder Vietnams und das Zerstören von Nutzpflanzen. Sodann erzählt ein Vietnam-Veteran, der in Vietnam schwer gehandikapte junge Vietnamesen pflegt, dass, wenn er in den USA weile, ihn der Jahrzehnte zurückliegende Krieg jeden Tag verfolge, wenn er jedoch den Menschen in Vietnam helfe, würde er Frieden finden. Nach Schätzungen des Roten Kreuzes litten 2002 über eine Million Vietnamesen an gesundheitlichen Schäden durch die Spätfolgen von Agent Orange, darunter 100.000 Kinder mit angeborenen Fehlbildungen. Finanziell entschädigt wurden nach gerichtlichen Auseinandersetzungen aber nur ehemalige US-Soldaten, vietnamesische Opfer erhielten bis heute keine Entschädigung. Eine entsprechende Sammelklage in den USA wurde 2005 abgewiesen, da der Einsatz von Agent Orange laut Gericht „keine chemische Kriegsführung“ und deshalb kein Verstoß gegen internationales Recht gewesen sei. (Die Folgeschäden des Kriegseinsatzes von 400.000 Tonnen Napalm sind dabei noch nicht berücksichtigt!) Der amerikanische Präsident hatte bei seinem Besuch in Da Nang nur Zeit für die Auszeichnung „verdienter“ Vietnam-Veteranen, nicht für die Opfer des mörderischen Krieges.

 

Da ich mein seelisches Gleichgewicht noch nicht wieder erlangt habe, rufe ich einen Freund an. Er hat die TV-Sendung ebenfalls gesehen. „Mein Müsli“, erzählte er mir, „habe ich nur halb aufgegessen, den Rest brachte ich nicht mehr hinunter.“ Zu meiner Frau habe ich gesagt: „Die Welt kann diesen Weg nicht weiter gehen – vor allem wegen unserer Kinder.“ Nun spüre ich, wie ich mich ein wenig beruhige.

 

 

 

 

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