Offener Brief an die Nobelpreisträgerin für Literatur, Frau Herta Müller, anlässlich ihrer Rede auf dem Forum der Belgrader Buchmesse am 23.10.1917

Frau Müller, für mich ist das eine Verhöhnung der Opfer!

 

Frau Herta Müller,

es war mir bisher kein Bedürfnis, mich an Sie zu wenden, z.B. wegen Ihrer literarischen Werke. Heute jedoch muss ich Ihnen schreiben. Der Anlass: Ich las in serbischen Zeitungen (kein Wort davon in deutschen) von Ihrer Rede auf einem Forum im „Jugoslawischen Drama Theater“, das von der deutschen Botschaft und der Belgrader Buchmesse organisiert wurde. Laut „serbianmonitor.com“ vom 25.10.17 hätten Sie sich zum Thema „Explosion des Nationalismus im ehemaligen Jugoslawien“ und zur NATO-Aggression 1999 unter anderem folgendermaßen geäußert: „Serbien hat sich das Böse zugefügt und die Bürger müssen mit der Wahrheit leben, dass sie selbst das Leid verursacht haben.“ Darauf angesprochen, ob Gewalt eine legitime Lösung in politischen Konflikten sei, hätten sie geantwortet: „(...) In einer Situation, in der es Krieg gibt, muss eine Seite die andere besiegen, daher glaube ich, dass (eine) militärische Intervention eine menschliche und moralische Position ist. Dies hat sich in vielen Fällen als richtig erwiesen. (...).“

 

In einem Essay haben Sie geschrieben – zum Zeitpunkt, als Belgrad als letzte europäische Stadt im 20. Jahrhundert bombardiert wurde –, „dass Sie die Position der NATO verstanden (hätten) und dass Milosevic für alle Zeiten gestoppt werden musste. (...) Wenn ein Land in neun Jahren vier Kriege anstößt und dadurch pragmatisch Städte in Friedhöfe verwandelt, kann es nicht nur mit Worten gestoppt werden. (...)“ Und diese Meinung, sagten Sie, hätten Sie bis heute nicht geändert: „Ich denke immer noch dasselbe. (...) Dieses Land verursachte seinen eigenen Schmerz und sein Leiden. Die Serben haben sich das Leid selbst zugefügt.“

 

Frau Müller, mit diesen unglaublichen Äußerungen offenbarten Sie Ihre Unkenntnis der tatsächlichen politischen Hintergründe und Abläufe der Zerstörung der ehemaligen Sozialistischen Förderativen Republik sowie der Bundesrepublik Jugoslawien in den 90er Jahren und leisteten sich zudem eine grob fahrlässige Schuldzuweisung gegenüber dem serbischen Volk. Und das als deutsche Schriftstellerin.

 

Erlauben Sie mir, Ihnen offen zu sagen, wie es mir erging, als ich von Ihrer Rede erfuhr: Als deutscher Bürger und Intellektueller, der sich mit dem politischen Geschehen auf dem Balkan vorurteilsfrei auseinandergesetzt hat, der den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der US-NATO gegen Ex-Jugoslawien (unter deutscher Beteiligung) auf das Schärfste verurteilt und der weiß, dass in diesem Krieg hochgiftige und radioaktive Uranwaffen („schmutzige Bomben“) tonnenweise zum Einsatz kamen und damit wissentlich und willentlich Völkermord begangen wurde, bin ich über Ihre – gelinde gesagt – unqualifizierten Äußerungen entsetzt, empört und als Landsmann beschämt, dass eine Deutsche dem serbischen Volk dies zumutet. Frau Müller, für mich ist das eine Verhöhnung der Opfer!

 

In Serbien haben aggressive Krebserkrankungen unter Jung und Alt infolge des Einsatzes von Uranwaffen inzwischen ein epidemisches Ausmaß erreicht. Das Leid der Menschen schreit zum Himmel. Nach Angaben des serbischen Gesundheitsministeriums erkrankt jeden Tag ein Kind an Krebs. Das gesamte Land ist verseucht. Durch die Schädigung des Erbgutes (DNA) werden Generation um Generation missgebildete Kinder zur Welt kommen. In zwei kürzlich verfassten Artikeln „Der Krieg, der nicht zu Ende geht“ und „Trägheit des Herzens“ (in: „Neue Rheinische Zeitung-Online“; in Serbien in: „Pecat“ und „Informer“) habe ich wesentliche Fakten zu diesem beispiellosen Verbrechen zusammengetragen.

 

Frau Müller, wenn Sie bisher nicht hinreichend aufgeklärt waren bezüglich der politischen Geschehnisse in Ex-Jugoslawien sowie der tatsächlichen Beweggründe und Ziele der NATO-Aggression 1999 und deren katastrophale Auswirkungen oder wenn Sie ein klassisches Opfer der deutschen Medien und ihrer Wahrheitsverdrehungen waren, dann ist das sehr bedauerlich – dafür kann man sich aber entschuldigen. Ihr Kollege Peter Handke und viele andere freien Geister waren zu dieser Zeit nicht „Opfer“ von Medienmanipulationen, sondern bildeten sich unabhängig denkend ihre eigene Meinung und handelten mutig danach. Wollten Sie mit Ihren Äußerungen aber den Verursachern des Genozids einen Gefallen tun und ihnen nach dem Mund reden (ich hörte von keinem Protest z.B. der deutschen Botschaft), dann fände ich das schändlich und einer Intellektuellen und überdies Nobelpreisträgerin höchst unwürdig.

 

Dr. Rudolf Hänsel, Dipl.-Psych.

Lindau (Bodensee)

www.psychologische-menschenkenntnis.de

 

 

 

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